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Welt.de - Der Porzellan-Zauberer vom Bahnhofsviertel

  • Writer: Mohamed El Idrissi
    Mohamed El Idrissi
  • Mar 29, 2021
  • 3 min read

Updated: Apr 6, 2021


Veröffentlicht am 05.01.2014 | Lesedauer: 3 Minuten

Von Annette Wollenhaupt


Mohamed El Idrissis Werkstatt ist reich an filigranen Schätzen - mit kleineren und größeren Macken. Mit viel Fingerspitzengefühl restauriert der gebürtige Marokkaner alle seine Porzellan-Patienten.


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Mohamed El Idrissi ist in seinem Element. Gerade hat er unter seiner riesigen Leuchtlupe einen alten französischen Teller gereinigt. Kein Totalschaden, aber „total verklebt“, ein Fall von misslungener Reparatur. Als nächstes holt der 63-Jährige mit dem dunklen Vollbart ein kleines Meissner Kännchen hervor: „1784. Marcolini-Zeit“. Ein Stück vom Schnabel fehlt und etwas vom Rand. Den fehlenden Porzellangriff hatten die Besitzer notdürftig durch einen aus Holz ersetzt und mit Klebeband fixiert. Kein schöner Anblick. Und für den Frankfurter Restaurator eine echte Herausforderung.

Mehr als 40 verschiedene Fräsköpfe stehen aufgereiht vor ihm, um die Feinheit herauszuarbeiten. Doch bevor El Idrissi mit der Arbeit beginnt, kocht er erst einmal eine große Kanne Minztee. Ein Muss für den gebürtigen Marokkaner. „Er entspannt und sorgt für eine ruhige Hand“. Nebenbei nimmt er einen tiefen Zug von seiner E-Zigarette. El Idrissis Werkstatt im ersten Stock eines Hinterhauses im Bahnhofsviertel scheint wie aus der Zeit gefallen: verblasste Blümchentapeten, deckenhohe verkleckste Regale, auf denen sich die reparierten Vasen, Schalen und Figürchen aneinanderreihen. Bereit zur Abholung. Die Kunden kommen aus ganz Europa: Auktionshäuser, Antiquitätenläden, Museen, Schlösser, aber auch jede Menge Privatkundschaft. Seine Porzellanerde bezieht er aus der Schweiz. Über ihre Textur verrät er nichts. „Das ist wie bei Coca-Cola“, kichert er und gießt Tee nach. „Das bleibt ein Geheimnis“. Zum Bemalen des Porzellans zieht er sich in einen kleinen Nebenraum zurück. Dort herrscht kreatives Chaos. Farbkleckse überall, Pinsel, Bürsten, Läppchen, Farbtuben und –töpfe, eine Airbrush-Pistole. Zwei riesige und eingestaubte Nostalgieradios schmücken außerdem den Arbeitstisch. Kunstdrucke hängen an Wänden und Regalen. „Das ist mein Luxus, meine Schönheit – obwohl alles dreckig ist.“ El Idrissi restauriert an erster Stelle Porzellan, aber auch beschädigte Gefäße oder Figuren aus Metall, Glas oder Kunststoff. „Einmal kam ein Mann mit so einem komischen Püppchen“, erzählt er. „Das war total billig, aber seine Tochter war so traurig und weinte immerzu.“ Es sei ihm völlig egal, ob ein großes Museum ihn beauftrage oder ein Student vorbeikomme, weil der WG-Bembel zerbrochen ist. „In solchen Fällen mache ich Studentenpreise, schließlich habe ich selber fünf Studenten großgezogen“, sagt er.

Seit 1994 arbeitet El Idrissi alleine in dieser Werkstatt. Doch einsam fühlt er sich nicht. Er lacht, blickt über den Brillenrand in die Runde. Sein Blick fällt auf eine japanische Frauenfigur. „Ich habe doch Gesellschaft.“ In einer Vitrine untergebracht sind all jene restaurierten Objekte, die ihm etwas bedeuten. Ein Porzellanboot etwa, in dem ein Großvater mit seinem Enkel sitzt. Auch ein kleiner Hund ist an Bord. Sein Vorgänger habe ihm diese verspielte Skulptur hinterlassen, erzählt er. Sie hat seine Fantasie angeregt. Ganz ursprünglich habe der Großvater eine Angel in der Hand gehalten, vermutet El Idrissi. Weil er, sein Enkel und der Hund so wild miteinander gestikulieren. „Sie müssen einen Fisch gefangen haben, und die Angel - sie muss sich vor Spannung biegen.“ El Idrissi schnitzte selbst eine zierliche, leicht gerundete Bambusangel. Niemand würde heute beim Anblick der Bootsszene vermuten, dass sie einmal in Scherben lag. Wie Zauberei mutet an, was sich in der kleinen versteckten Hinterhofwerkstatt täglich vollzieht. Wüsste man es nicht besser. El Idrissi ist auch stolz auf diese Qualität: „Nur mit Speziallicht können Profis feststellen, dass ich am Werk war“.

 
 
 

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